Stillleben mit Pranger
Dies sind Gedanken, die mir im Zuge des Widerhalls auf den Twitter-Account @blockempfehung gekommen sind.
Blogeinträge, die ich im Zuge dessen gelesen habe sind Blockwarte und Denunziantentum von @vonwegenmaike, Blockempfehlungen und Solidarität von @tofutastisch und Gelebter Faschismus: @blockempfehlung von @sciencefiles.
Am Anfang: Meine Position. Ende 20, weiß, gebildet, cis-weiblich, ursprünglich aus (wie meine Mutter proklamierte) der upper middle-class. Queer, bi-sexuell, anarchistisch, utopistisch, feministisch. Post-humanistisch. Do you get the idea, what my eyes see, when they look around?
Ich kämpfe Kämpfe. Aber irgendwie bin ich da reingerutscht. Ohne Strategie, ohne Agenda, außer vielleicht einer, die durch einen diffuses Selbsterhaltungsverlangen genährt wird. Einen Todestrieb, der verlangt, dass meine Geschichte so gut wird und so lange dauert, dass der Wunsch zu sterben anständig erzählt werden kann.
In letzter Zeit geh ich oft in ein Zimmer, dass ich bei Twitter gefunden habe. Die Wände sind gebaut aus verschiedenen mir bekannten und noch nicht mir bekannten Twitter-Personas. Über die Wände kriechen Konzepte. Denunziantentum, Blockwarte, Pranger, Meinungsfreiheit, Mobbing, Gewalt, Hetze, Faschismus. Ich stehe in der Mitte des Zimmers und schaue und schaue und weiß gar nicht, wo ich bin, aber es ist bestimmt nicht unwichtig, in diesem Zimmer zu sein.
this is not about being right
Welche Macht habe ich denn über das Zimmer? Welche (Deutungs)Hoheit? Ich befürchte, keine, zumindest keine, die Bestand hat, absolut wäre, objektiv, rein. Wie Wellen läuft es über die Wände. Solidaritätsbekundungen, Anhaltungen, wahrhaftige Tränen, sehr viel Wut, Angst. Worte werden geworfen. 1 braucht nur diese wenigen Worte benutzen und dann soll anscheinend etwas klar sein? Ich denke: Leider nein.
Pranger: Jemensch mit Rechtsgewalt kann einen Pranger bauen und andere auf dieses Podest stellen. Als Metapher kann 1 dann auch sagen, dass 1 an den Pranger gestellt wird, ohne dass 1 tatsächlich auf dem Marktplatz steht und mit vergammeltem Essen beschmissen wird. Die Metapher, excuse my textual analysis, verweist auf eine „mittelalterlich (bis neuzeitliche)“ Praxis der Bloßstellung. Und diese Metapher soll so etwas aussagen über die Aktion, die da mit Pranger bezeichnet wird. Da klicken Leute bei Twitter auf den Pranger ihrer Wahl und können dann flugs weiterklicken und Leute (virtuell, mit Worten) fertigmachen, oder blocken, oder bestaunen, oder mögen (wenn jemensch vom Gegen-Pranger ist). Neben 1 Menschen, der angeprangert wird, gehört auch ein Hinweis auf die Tat, die im Zuge dessen mit angeprangert wird. Das ist alles, was ich bis jetzt über den Pranger weiß. Aber ich nehme mal relativ unbegründet an, dass die meisten Leute, die „Pranger“ auf Twitter schreiben, keine Historiker sind, die sich mit der Pranger-Praxis beschäftigt haben. Weil muss 1 ja auch nicht. Wenn jemensch Pranger ruft, dann doch nicht wegen Nuancen des Prangers, die damit gemeint sind. Welche Nuance damit jedoch gemeint sein könnte, ist die des Gesichtsverlustes.
Anscheinend soll 1 sich schämen wegen etwas, auch wenn 1 sich nicht dafür schämen möchte. Das Gefühl der Scham ist mir bekannt, sehr gut sogar. Ich schäme mich oft unnötigerweise, und da braucht es einiger Realitätsüberprüfungen, bis ich merke, dass ich mich nicht schämen muss. Da gibt es aber auch den anderen Fall: Ich sage oder tue etwas, und nach einer Realitätsüberprüfung fange ich dann an mich zu schämen. Weil ich merke, dass ich was falsch gemacht habe. Relativ oft ist meine erste Reaktion die, dass ich die Scham abwehren möchte. Ich bin NOCH nicht so gut drin, Fehler einzugestehen und diese konstruktiv in mein Selbstbild einzubauen. Ich verliere mein Gesicht, mein Ich, eine ziemlich bedrohliche Situation, ohne Frage.
Meinungsfreiheit: Jetzt sind Fehler auch nicht absolut. In einer humanistischen, aufgeklärten (d.h. der Zustand, der im Westen nach der Aufklärung erreicht wurde), demokratischen Gesellschaftsordnung – gerne Die Demokratie™ genannt – ist es eben kein Fehler, sich für Meinungsfreiheit einzusetzen. Noam Chomsky hat sich zum Beispiel für die Meinungsfreiheit des Holocaust-Leugners Robert Faurisson eingesetzt. Weil die Freiheit, eine Meinung ausdrücken zu dürfen, unabhängig sein sollte von dem konkreten Inhalt der Meinung. In der Demokratie™.
Ich hatte irgendwann mal diesen Spruch gehört: „Hetze ist keine Meinung.“ Ich denke, er kommt aus der Anti-Fa-Bewegung und bezieht sich auf das Pochen von Nazis auf Meinungsfreiheit. Ich war erstmal zufrieden damit. Aber leider funktioniert das nicht so gut.
Vielleicht macht es tatsächlich einen Unterschied, ob ich sage „Homosexuelle sollten keine Kinder bekommen/adoptieren/aufziehen dürfen, wegen [Grund]“ oder ob ich sage „Meine Meinung ist, dass Homosexuelle keine Kinder bekommen/adoptieren/aufziehen dürfen, wegen [Grund]“. Weil bei Ersterem eine Meinung als Wahrheit (whatever that is) formuliert wird. Vielleicht rheotrische Haarspalterei.Haben Homophobe ein Recht auf die Angst, die diese Meinung hervorbringt? In der Demokratie™ anscheinend schon.
Hier sei gesagt, dass ich nicht weiß, wie die Welt nach und ohne Demokratie™ aussehen könnte. Es könnte der blanke Horror sein, oder das Allerbeste. Ich nenne es die Zukunft. In der wir übrigens schon leben. Weil, und das ist nicht (nur) meine Meinung, sondern meine theoretische und akademische Überzeugung, mein ideologisches Fundament und die beste Entdeckung meines bisherigen Lebens: Die Demokratie™, die heraufbeschwört wird, gab es nie, gibt es nicht und wird es nicht geben. Ja, ich bin nicht reformatorisch. Das ist mein Luxus, da ich nicht in einer Position bin, in der Reform die beste Lösung ist (ich denke, solche Positionen in der Gesellschaftsordnung gibt es, in denen 1 vom radikalen zum reformatorischen geht, weil Pragmatismus und Realpolitik und so).
Denunziant: Jetzt wird ich mal frech… das letzte Mal, dass ich das Wort Denunziant gehört habe, sollte es einen Whistleblower beschreiben. Das mag einfach abhängig sein von der Position, in der 1 sich befindet, ob jemensch Denunziant, Whistleblower oder was anderes ist. Aber es verzerrt doch ganz schön den Akt, der tatsächlich begangen wurde. Ist der Begriff polemisch gemeint? Idk.
Aber gibt es diese Behörde, zu der du gehen kannst, um jemenschen zu verpfeifen, der sich gegen ein Gebot stellt, welches nicht in einem Grundgesetzt, Strafgesetzbuch et al. steht? Bei Twitter sind es 1000 (d.h. ich weiß nicht wie viele, aber ich denke es sind sehr viele) verschieden Gesetze, je nach Clique und Identifikation und Philosophie und Ideologie. Und Verstöße, gegen diese Gesetze werden eben nicht so geahndet, wie man es kennt von den Verstößen gegen die Gesetze unseres lieben Staatsapparates.
Denunziation als Metapher in diesem Fall bedeutet dann wohl, dass einer bestimmten Twitter-Clique (oder Bubble) gesagt wird, dass jemensch gegen Gebot X verstoßen hat, z.B. eine Diskussion derailt hat, oder von sich sagt, einer bestimmten Ideologie(kritik) anzugehören, aber andere dann Augenblicke finden, die sich so lesen, als würde dieser Mensch eben doch nicht ‚wirklich’ für die gleichen Dinge stehen wie ‚der Rest’.
Was sind die Konsequenzen? Doxen, gefeuert werden, elektronische Belästigung, stalking, Bedrohungen, x-Formen der Gewalt… das sind wohl die Extreme.
Aber auch Gesichtsverlust. Ein, wie oben beschrieben, bedrohlicher Akt, gewaltvoll, Ich-zerstörerisch.
Petzen, Denunziation, Call-Out sind eben nicht ohne weiteres austauschbar. Sie beziehen sich alle auf einen Akt, in dem jemensch anderes sagt: „Person X hat [xyz] gesagt, getan, dass verstößt gegen [das Gesetz, die Fairness, die und die Prinzipen].“ Wenn ich Denunziant bei Wikipedia nachlese, dann erkenne ich da so etwas wie Call-Out nicht wieder.
Und Whistleblowing ist auch nicht das gleiche wie Call-Out. Falls es gesagt werden muss.
Ich stehe in dem Zimmer und die Wände winden sich. Sie beginnen zu bröckeln, der schnelle Zahn der Zeit nagt an ihnen, ein anderer Shit-Storm steht bereits hinter der nächsten Ecke. Ich versuche mir zu merken, was ich fühle, ich möchte es nicht vergessen, möchte weiter denken, auch wenn das Zimmer schon aufgehört hat, in dieser Form zu existieren. Bitte verzeiht mir, das Unausgegorene. Ich versuche mir Zeit zu nehmen, Raum zu geben, auch mal das Zimmer mitzubauen und nicht immer nur reinzugehen und zu gucken, bis es wieder von meine Karte verschwunden ist. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ich möchte, dass ich mich im richtigen Moment schäme, dann, wenn ich nämlich gründlich daneben lag, damit ich in Zukunft weniger so daneben liege.